Arbeitseinheit Bromme - Veroeffentlichungen

Psychologisches Institut III
Prof. Dr. R. Bromme

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Ich denk' halt: Was ist Architektur? 'n Haus...



 


"Ich denk' halt, was ist Architektur? 'n Haus..."
Laienkonzepte über Architektur

Riklef Rambow

 


Bei dem folgenden Text handelt es sich um die schriftliche Fassung eines Vortrags, gehalten am 29.09.97 auf der 6. Tagung der Fachgruppe Pädagogische Psychologie in der DGPs an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt/Main.

Teile des hier dargestellten Forschungsprojekts wurden vom Bund Deutscher Architekten, Landesverband Nordrhein-Westfalen, finanziell unterstützt.

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Einleitung

Die Domäne Architektur stellt aus vielerlei Gründen einen besonders interessanten Anwendungsfall für die Untersuchung von Experten-Laien-Kommunikation dar. Zwei dieser Gründe möchte ich einleitend kurz skizzieren.

Was tun Architekten? Die Architektenkammer NRW beschreibt das Berufsbild auf ihrer Homepage im Internet unter anderem so:

1. "Der Architekt entwirft ein Konzept für die vom Bauherrn angestrebte Nutzung des Gebäudes. Dabei muß er unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedin-gungen Entscheidungen in gestalterischer Hinsicht (Form, Gestalt, Material, städtebauliche Integration, etc.), in funktionaler Hinsicht (Nutzung), in technischer Hinsicht (konstruktive, bauphysikalische, ausstattungstechnische Anforderungen), in ökologischer Hinsicht (effiziente Energienutzung, gesundheitstaugliche Baustoffe, etc.) und in wirtschaftlicher Hinsicht (Festlegung von Baukosten, Planungskosten, Betriebskosten) treffen."

Den hier angesprochenen Aspekt der Tätigkeit möchte ich als den multidisziplinären Charakter der Architektur bezeichnen.

2. "Der Architekt ist mit diesem umfangreichen Aufgabenspektrum in hohem Maße der Gesellschaft verpflichtet. Er steht im Schnittpunkt der Wünsche und Forderungen seiner Bauherren und der Gesellschaft. Diese miteinander zu vereinbaren und die jeweils beste Lösung zu finden, ist der Anspruch, der an Architekten im Alltag gestellt wird."

In dieser Passage wird der gesellschaftliche Auftrag an die Architektenschaft angesprochen.

Zu 1: Der multidisziplinäre Charakter der Architektur kann für die Kommunikation mit Laien ein Problem darstellen, weil er quer zu der in der Schule vermittelten Fächerstruktur des "Allgemeinwissens" liegt. Jeder Laie hat zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, was ein Biologe oder ein Physiker weiß und tut. Aber wo lernt man eigentlich, was man in dieser Hinsicht von einem Architekten zu erwarten hat?

Zu 2. Als Vertreter eines der klassischen freien Berufe verstehen sich Architekten als Treuhänder des Bauherren und der Gesellschaft in bezug auf die Gestaltqualität der gebauten Umwelt. Die Legitimation des Berufsstands hängt davon ab, daß die Gesellschaft diesen "Auftrag" immer wieder erneuert. Man kann auch ohne Archi-tekten bauen und zwar oftmals billiger. Nimmt die Gesellschaft (die aus architektonischen Laien besteht) keinen grundlegenden Qualitätsunterschied zwischen Architektur (verstanden als das, was Architekten machen) und Bauen (ohne Architekten) mehr wahr, dann verschwindet der Berufsstand oder verliert zumindest erheblich an Bedeutung. Dies ist im Übrigen keine überspannte Fiktion, sondern eine durchaus reale Gefährdung, die innerhalb der Architektenschaft auch diskutiert wird (vgl. z.B. Saunders, 1996). Die Zukunft der Architektur ist davon abhängig, daß Laien die Bedeutung der Tätigkeit von Architekten verstehen. Aber inwieweit ist das der Fall?

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Die Vorstellungen von Laien darüber, was Architekten wissen, können und tun, und darüber, welche wahrnehmbaren Konsequenzen dieses Wissen, Können und Tun für ihre Lebenswelt hat, sind zwei wichtige Aspekte des Laienkonzepts über Architektur. Das Laienkonzept von Architektur ist Gegenstand der Untersuchungen, über die ich im Folgenden berichten möchte.

Die Leitfrage dabei ist: Lassen sich in den Laienvorstellungen über das abstrakte Konzept Architektur Defizite finden, die einer erfolgreichen Kommunikation zwischen Architekten und Laien in grundlegender Weise entgegenstehen?

Wenn hier von Kommunikation die Rede ist, dann ist damit nicht nur der direkte und intensive Austausch zwischen einem Architekten und seinem Bauherren gemeint, sondern auch und vor allem die Kommunikation zwischen Architekten und der Öffentlichkeit, wie sie im Rahmen jedes größeren Projektes oder auch unabhängig davon in den unterschiedlichsten Formen stattfindet.

Ein wesentlicher Teil des öffentlichen Diskurses über Architektur findet in den Medien statt. Wir haben deswegen in einer etwas umfangreicheren Untersuchung die Rezeption der Medienberichterstattung über Architektur durch Laien als Indikator dafür untersucht, inwiefern Architektur überhaupt ein Thema ist, über das Laien nachdenken. Ich möchte daraus an dieser Stelle nur zwei Ergebnisse vorstellen.

50 Laien (in diesem Fall Studierende verschiedener Fächer, die nicht mit Architektur in Verbindung stehen) nahmen an dieser Untersuchung teil. Sie sollten sich möglichst vollständig an alle Berichte über architektonische Themen in Radio, Fernsehen oder Printmedien erinnern, die sie im Zeitraum des letzten halben Jahres wahrgenommen hatten. Es handelte sich also um einen freien Recall. Eine Zeitbegrenzung war nicht gegeben. Der Begriff Architektur wurde von uns bewußt nicht genauer spezifiziert.

Wir erhielten dabei folgende Ergebnisse: Die Anzahl erinnerter Berichte betrug im Mittel 3,3. Der Anteil derjenigen, die mehr als fünf Berichte nennen konnten, lag in unserer Stichprobe bei 16 Prozent. Das ist zunächst einmal nicht besonders viel.

Abbildung 1. Verteilung der Probanden nach der Anzahl erinnerter Berichte über Architektur (freier Recall, N=50)

 

Betrachtet man nun die Themen genauer, die am häufigsten genannt werden, dann lassen sich verschiedene Kategorien identifizieren.

Tabelle 1.
Meistgenannte Themen bei der freien Erinnerungsaufgabe zu Medienberichten über Architektur

 
 Häufigkeit Thema
 7 Verhüllung des Reichtags (Christo)
6 Potsdamer Platz; "Schürmann-Bau"
5 CentrO Oberhausen; Umbau der Mensa 1 an der Universität Münster
4 Umbau Hauptbahnhof Leipzig; Reichstagsumbau
3 Fahrradparkhaus Münster; Preußenpark Münster; Neue Messe Leipzig; Neubau Bundeskanzleramt

Zum einen finden sich Projekte, die mit Architektur im engeren Sinne eigentlich gar nichts zu tun haben, z.B. die Reichstagsverhüllung durch Christo. Einen zweiten Schwerpunkt bilden lokale oder regionale Projekte, deren Bedeutung innerhalb eines architektonischen Diskurses sehr gering ist. In diese Kategorie fallen der Preußenpark (ein geplantes Einkaufszentrum vor den Toren von Münster, das zum Politikum geworden ist, über dessen Architektur aber allein schon deswegen nicht viel diskutiert werden kann, weil es noch gar keine Realisierungsplanung gibt) desgleichen das geplante Fahrradparkhaus oder der Umbau der Mensa, der natürlich von lebenspraktischer Bedeutung für die befragten Studierenden, architektonisch hingegen wenig ambitioniert ist. Die dritte Kategorie bilden Projekte, die architektonisch bedeutsam, zugleich aber auch politisch oder wirtschaftlich so wichtig sind, daß sie sozusagen den Sprung in die Acht-Uhr-Nachrichten geschafft haben. Hierzu zählen der Umbau des Reichstags und der Neubau des Bundeskanzleramts in Berlin sowie der Bau der Neuen Messe Leipzig.

Was in den Nennungen der Studierenden offensichtlich fehlt, sind Projekte, deren Bedeutung sich überwiegend aus ihrer Stellung innerhalb des architektonischen Fachdiskurses ableitet, beispielsweise vorbildliche Kulturbauten (Museen, Ausstellunshallen etc.), Schulen, Wohnbauten, oder städtebauliche Planungen. Es ist wohlgemerkt nicht so, daß eine solche Berichterstattung außerhalb der Fachpresse nicht existierte. Wer regelmäßig das Feuilleton einer überregionalen Tageszeitung liest und erst einmal darauf achtet, wird eine Vielzahl einschlägiger Berichte finden. Aber wer tut das schon? Die von uns befragten Laien zumindest nicht, oder wenn, dann vergessen sie sehr schnell wieder, was sie gelesen haben.

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Diese Daten bestätigen einen Befund, der uns auch aus anderen Untersuchungen schon vertraut ist (vgl. Bromme & Rambow, 1995, Rodgers, 1993): Der Anteil der Laien, der sich für Gebäude als Instanzen eines architektonischen, und als solchem vorwiegend kulturellen Diskurses interessiert, ist verschwindend gering.

Wenn dem aber so ist, und die meisten Laien die Produkte von Architekten nicht in einem architektonischen Kontext, sondern wenn, dann in anderen Kontexten wahrnehmen, was folgt daraus für das Laienkonzept über Architektur?

Dieser Frage haben wir uns in einer anderen Untersuchung empirisch gewidmet.

Hierfür wurde zunächst eine Liste von 54 Konzepten erstellt, die (aus Sicht von Experten, also Architekten) potentiell mit Architektur in Zusammenhang stehen.

 

Tabelle 2.
Die 54 Konzepte, absteigend geordnet nach der Enge des Zusammenhangs mit Architektur,
so wie er von den Laien wahrgenommen wird.
 Kreativität  Harmonie  Wirtschaft Macht   Politik  Wahrheit
 Design  Technik  Dekoration  Natur  Philosophie  Ehrlichkeit
 Geschmack  Sicherheit  Mode  Heimat  Bewegung  Humor
 Zeitgeist  Luxus Wissen   Konsum  Utopie  Moral
 Wohlbefinden  Lifestyle Tradition  Erholung   Aktivität  
 Phantasie  Fortschritt Ökologie   Spaß  Berührung  
 Kunst  Gemütlichkeit  Physik  Psychologie  Chemie  
 Zweckmäßigkeit  Gesellschaft  Image  Stolz  Werbung  
 Funktion  Mathematik  Umweltschutz  Lust  Biologie  
 Prestige  Geschichte  Freiheit Gesundheit   Demokratie  

 

Die Liste sollte die wichtigsten disziplinären und gesellschaftlichen Bezüge, so wie sie sich in der anfänglich vorgestellten Berufsfeldbeschreibung darstellte, möglichst vollständig abbilden (Wirtschaft, Politik, Ökologie, Funktion, Technik, Kunst, Design, Gesellschaft). Sie wurde von uns in Zusammenarbeit mit Experten um weitere Aspekte ergänzt, die für das Selbstbild der (oder vieler) Architekten von Bedeutung sind, etwa Konzepte, die auf bestimmte Qualitäten von Architektur abzielen (Wahrheit, Ehrlichkeit, Moral) oder Konzepte, die Aspekte des Erlebens von Architektur beschreiben (Spaß, Lust, Berührung, Bewegung, Humor, Heimat, Harmonie).

Die Aufgabe für die Probanden bestand nun darin, für jedes dieser Konzepte auf einer vierstufigen Skala anzugeben, inwieweit es ihrer Auffassung nach mit Architektur in Zusammenhang steht. Dabei wurden bewußt keine weiteren Vorgaben über die Art dieses Zusammenhangs gemacht.

Diese Aufgabe wurde von drei Gruppen von Probanden bearbeitet:

90 Studierenden der Universität Münster (im Folgenden als Laien bezeichnet) 60 Architekturstudenten im zweiten und vierten Semester (im Folgenden als Intermediates bezeichnet) 40 Architekten mit mindestens dreijähriger Berufserfahrung (im Folgenden als Experten bezeichnet)

Um kontrollieren zu können, inwieweit die Antworten tatsächlich spezifisch in Hinsicht auf das Zielkonzept Architektur erfolgen und nicht etwa allein durch die Semantik der ausgewählten Items gesteuert werden, wurde außerdem auch das Zielkonzept variiert. Alle drei Probandengruppen stuften zusätzlich den Zusam-menhang jedes der Items mit den Zielkonzepten Medizin und Informatik ein.

Es ergibt sich also ein 3 x3-Design mit den Variablen Status (Experte/Intermediate/ Laie) und Zielkonzept (Architektur/Medizin/Informatik).

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Um zunächst die Sensitivität der Items für das Zielkonzept Architektur zu überprüfen, wurde eine zweifaktorielle Varianzananlyse mit dem arithmetischen Mittel aller 54 Zusammenhangsurteile als abhängiger Variablen gerechnet.

 


 
Abbildung 2. Mittlere Zusammenhangsurteile über alle 54 Begriffe in Abhängigkeit von Status und Zielkonzept.

Die Ergebnisse bestätigen die Sensitivität des Instruments: Bei den Zusammenhangsurteilen für das Zielkonzept Architektur erreichen die Experten und stärker noch die Intermediates signifikant höhere Werte als die Laien, während sich die Urteilshöhe bei den Zielkonzepten Medizin und Informatik nicht in Abhängigkeit vom Status der Probanden unterscheidet. In Hinsicht auf diese Domänen sind ja auch alle drei Gruppen als Laien zu betrachten.

Eine weitere Bestätigung der Sensitivität der Messung liefern die Korrelationen der resultierenden Begriffsprofile. Für Medizin und Informatik liegen die Korrelationen zwischen allen drei Gruppen über 0.9, die Gruppen sind sich also sehr ähnlich im Urteil darüber, welche Konzepte viel und welche wenig mit Medizin und Informatik zu tun haben. Auch bei Architektur gibt es hohe positive Zusammenhänge, sie sind aber doch deutlich niedriger als bei den anderen Konzepten. Die Urteile von Experten und Laien weisen hier nur noch 50% gemeinsame Varianz auf, die Profile der Intermediates liegen zwischen den Experten und den Laien.

 

Tabelle 3.
Pearson-Korrelationen als Maß für die Profilähnlichkeit zwischen jeweils zwei Statusgruppen
für alle drei Zielkonzepte.

 

 

 Architektur  Medizin  Informatik
 Experten/Intermediates  0,85  0,95  0,94
 Experten/Laien  0,72  0,93 0,93 
 Intermediates/Laien  0,79  0,95  0,97

 

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Welche Items sind hauptsächlich verantwortlich für die Unterschiede zwischen Experten und Laien?

Um dies zu untersuchen, sind wir wie folgt vorgegangen. Mittels einer Hauptkomponentenanalyse über alle 54 Items wurden sieben Faktoren extrahiert, die gemeinsam 51,2% der Gesamtvarianz aufklären. 39 der Items ließen sich aufgrund ihrer Ladungsmuster eindeutig einem der Faktoren zuordnen, die restlichen 15 Items wurden ausgeschlossen. Die Items eines jeden Faktors wurden dann wie Skalen behandelt und für jede Skala ein Personenmittelwert errechnet. Diese bil-deten die Daten für eine Multivariate Varianzanlyse mit dem Status als unabhängi-ger und den sieben Faktoren als abhängigen Variablen. Die multivariaten Prüfgrößen sind alle auf dem 0,1-Promille-Niveau signifikant. Es konnten daher im nächsten Schritt univariate Analysen für alle sieben Faktoren gerechnet werden. Bei zwei der Komponenten lassen sich im Post-hoc-Einzelvergleich signifikante Unterschiede zwischen Experten und Laien nachweisen. Nur diese sollen jetzt näher betrachtet werden, die Intermediates müssen aus Zeitgründen an dieser Stelle vernachlässigt werden.

 

Abbildung 3. Mittelwerte der drei Statusgruppen für die sieben Faktoren; Signifikante Einzelunterschiede zwischen Experten und Laien sind durch Pfeile markiert.

 

Der Einfachheit halber kann man von einem Experten- und einem Laienfaktor sprechen. Die Experten erreichen deutlich höhere Werte auf dem Faktor 1, der durch die Items Wahrheit, Ehrlichkeit, Moral, Demokratie, Philosophie, Humor, Berührung, Aktivität und Bewegung gebildet wird.

Die Laien dagegen bringen den Faktor 5, der aus den Konzepten Mode, Kunst, Design, Dekoration, Lifestyle und Zeitgeist besteht, in engeren Zusammenhang mit Architektur als die Experten.

Der "Expertenfaktor" bündelt Items, die eine rein visuelle Auffassung von Architektur hinter sich lassen, und zwar in zweierlei Weise. Zum einen handelt es sich um ethische Konzepte wie Wahrheit, Moral und Ehrlichkeit. Diese verweisen auf Geltungsansprüche der Architektur, die über die Kriterien der optischen Gefälligkeit und der technischen Funktionalität hinausgehen. Zum zweiten wird durch Aktivität, Berührung und Bewegung eine ganzheitliche Erfahrungsweise von Architektur angedeutet. Im Kontrast dazu betont der "Laienfaktor" gerade die optisch-geschmäcklerische Dimension von Architektur. Zutage tritt dabei vor allem die dekorative Seite von Architektur. Dadurch wird auf einer bewertenden Ebene zum ei-nen eine sehr relativistische Auffassung deutlich (erlaubt ist, was gefällt), zum anderen ist eine starke Trendabhängigkeit, also eine Ablehnung zeitübergreifender Qualitätskriterien impliziert (Mode, Zeitgeist).

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In einer weiteren Untersuchung haben wir versucht, diese Befunde etwas anschaulicher zu machen und zu konkretisieren. Wir führten dafür fünf Gruppendiskussionen mit jeweils drei bzw. vier Oberstufenschülern und -schülerinnen durch. Die Diskussionen dauerten zwischen einer und 1 1/2 Stunden und wurden von einer Versuchsleiterin anhand eines vorgegebenen Ablaufschemas aus sieben zum Teil aufeinander aufbauenden Leitfragen moderiert.

 

Tabelle 4.
Leitfragen der Gruppendiskussionen (verkürzte Formulierung)
 1. Findet Ihr Architektur interessant, habt Ihr Euch schon einmal damit beschäftigt?
 2. Gibt es Gebäude, die Euch besonders gut gefallen? Warum gerade diese? Gibt es Gebäude, die Euch überhaupt nicht gefallen? Warum gerade diese? Was macht allgemein 'gute' Architektur für Euch aus?
 3. Glaubt Ihr, daß Architektur einen Einfluß auf die Menschen hat? Welchen
 4. Seht Ihr Möglichkeiten, Einfluß auf die Gestaltung Eurer Umgebung zu nehmen?
 5. Ist die Beurteilung von Architektur eine Sache von Fachleuten oder fühlt Ihr Euch auch in der Lage dazu?
 6. Habt Ihr Euch im Schulunterricht schon einmal mit architektonischen Themen beschäftigt? Womit und in welchen Fächern?
 7. Würdet Ihr Euch wünschen, daß Architektur in der Schule stärker behandelt würde? Wenn ja, welche Inhalte, welche Unterrichtsformen?

 

Alle Diskussionen wurden vollständig auf Tonband aufgezeichnet und anschließend von zwei geschulten Beurteilern unabhängig voneinander qualitativ zusammengefaßt und diese Zusammenfassungen diskursiv validiert.

Die Vorstellungen der Schüler, die sich in den Diskussionen äußern, bestätigen bzw. qualifizieren die Befunde, die an den studentischen Stichproben gewonnen wurden, in wesentlichen Punkten. Zunächst läßt sich auch hier feststellen, daß Architektur nicht als Thema eigenständiger Beschäftigung betrachtet wird. Von vielen wird die Frage danach sogar zunächst mit Verwunderung oder Belustigung aufgenommen. Entsprechend haben die Schüler auch große Probleme, Gebäude oder räumliche Situationen zu benennen, die ihnen gut gefallen. Dabei wird deutlich, daß eine intuitive Trennung zwischen Architektur auf der einen Seite und gebauter Umwelt auf der anderen Seite vorgenommen wird. Das Hauptkriterium für "gute" Architektur ist zunächst das der optischen Auffälligkeit in Hinsicht auf Merkmale wie Größe, Form oder Farbe. Die meistgenannten Bauten sind hier der Messeturm Frankfurt ("sieht wie ein Bleistift aus") und ein Wohnhaus von Friedensreich Hundertwasser in Bad Soden. Dem gegenüber steht die pauschale Abwertung ganzer Epochen und Gebäudetypen. Wohn- und Bürobauten der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre werden nicht als Architektur angesehen. Es wird die Auffassung geäußert, in dieser Zeit (wobei die Zuordnung zu den einzelnen Jahrzehnten zum Teil äußerst unscharf bzw. auch falsch ist) habe man "nicht auf Architektur geachtet", sondern nur darauf, daß es billig sei. Typisch ist auch die Auffassung, daß Bahnhöfe z.B. keine Architektur sein könnten, weil sie schmutzig, verwahrlost und voller (als unangenehm empfundener) Leute sind. Es fällt den Schülern sehr schwer, Qualität unabhängig von der Nutzung und dem aktuellen Zustand der Gebäude zu betrachten.

Deutlich wird auch, daß Architektur als etwas betrachtet wird, auf das man keinen Einfluß hat, das von relativ anonymen, mächtigen Akteuren außerhalb demokratischer Gestaltungsspielräume bestimmt wird. Entsprechend diffus sind auch die Vorstellungen über die Rolle von Architekten in diesem Prozeß.

Diese Darstellung der Gruppendiskussionen ist natürlich stark verkürzt. Trotzdem werden hoffentlich auch hier noch einmal einige Merkmale des Laienkonzepts von Architektur deutlich, die für die Kommunikation zwischen Architekten und Laien ein Hindernis darstellen. Die Verengung der Laienwahrnehmung auf das optisch Spektakuläre macht es für Architekten schwierig, Ihren Anspruch auf die Rolle als Treuhänder eines umfassenden Qualitätsanbegriffs zu vermitteln. An dieser Stelle nur ein Beipiel: Der selbstverständliche Rekurs auf Qualitäten wie die "Ehrlichkeit" im Umgang mit Materialien, der sich in Projektdarstellungen, Wettbewerbsurteilen oder Medienberichten häufig findet, wird auf viele Laien zunächst befremdlich wirken; das Konzept ist erklärungsbedürftig, was vielen Architekten aber kaum bewußt zu sein scheint.

Die Konsequenzen dieser Befunde für eine Verbesserung der Experten-Laien-Kommunikation seien hier nur kurz angedeutet. Im Prinzip bieten sich immer zwei Ansatzpunkte für Maßnahmen, nämlich die Seite der Experten und die Seite der Laien. Bezogen auf die Experten lassen sich aus Studien wie der vorliegenden Hinweise für Trainingskonzepte ableiten, die die Fähigkeit der Experten, die Laienperspektive auf ihr Fachgebiet zu antizipieren und sich kommunikativ darauf einzustellen (vgl. Isaacs & Clark, 1987, Krauss & Fussell, 1991), verbessern. Bezogen auf die Laienseite bietet die Schule theoretisch den geeignetsten Rahmen, um die konzeptuellen Grundlagen für die spätere Auseinandersetzung mit einer Berufsgruppe und ihrer Domäne, in diesem Falle der Architektur, günstig zu beeinflussen. Wie dies aber geschehen sollte, ist natürlich keine triviale Frage. Es ist offensichtlich, daß der Umfang, in dem eine Beschäftigung mit Architektur in der Schule überhaupt stattfinden kann, angesichts des thematischen Drucks, der auf den Curricula sowieso schon lastet, immer eng begrenzt sein wird. Ein Blick auf die gegenwärtige Praxis macht, auf dem Hintergrund der hier vorgestellten Studien, einige Fragen deutlich. Wenn nämlich Schüler in der Schule mit Architektur konfrontiert werden, dann geschieht dies häufig im Kunstunterricht der Oberstufe. Zwei Formen der Thematisierung sind dabei häufig: Zum einen die freie Bearbeitung einer kreativen Aufgabestellung (z.B. Entwurf eines "Traumhauses"), zum anderen ein kunstgeschichtlich orientierter Überblick über wichtige stilistische Strömungen, zumeist anhand von Dias hervorragender Exemplare. Von diesen beiden Behandlungsweisen des Themas muß eher eine Zuspitzung der oben dargestellten Laienkonzeption erwartet werden, als eine Relativierung und Ausweitung. Betrachtet man es hingegen als sinnvolles Ziel des Unterrichts, den Schülern Kompetenzen zu vermitteln, die sie zu einer kritischen, aber realistischen Interaktion mit den Experten in dieser Domäne (in welcher Form auch immer) befähigen, dann böten sich eher projektorientierte Formen des fächerübergreifenden Unterrichts an, die in einer kontextbezogenen Weise die "Geographie der Expertise" im Sinne von Baron (1993) zum Thema machen.

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Literatur

Baron, J. (1993). Why teach thinking? - An essay. Applied Psychology: An International Review, 42, 191-237.

Bromme, R. & Rambow, R. (1995). Man sieht nur, was man weiß. Der Architekt, 8/95, 451-453.

Isaacs, E. A. & Clark, H. H. (1987). References in conversation between experts and novices. Journal of Experimental Psychology: General, 116, 26-37.

Krauss, R. M. & Fussell, S. R. (1991). Perspective-taking in communication: Representations of others' knowledge in reference. Social Cognition, 9, 2-24.

Rodgers, L. (1993). The state of the profession: Question time. RIBA Journal, 100, 9/93, 7-13.

Saunders, W. S. (1996) (Ed.). Reflections on architectural practices in the nineties. New York: Princeton Architectural Press.

 


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